Zum zweiten Mal: Deutscher Zweitligameister!
12. Mai 2010 | eingestellt von mms
Mit einem 1:1 gegen den FC Augsburg wird der FCK Zweitligameister
(9. Mai 2010)
Ich habe ihn stolz getragen … meinen Schal … damals, in der Saison 2007/2008, damals als der KSC wieder in der ersten Liga spielte, damals, als unser Trainer Kjetil Rekdal und unsere Zukunft Verzweiflung hießen. In Karlsruhe, im nordbadischen Exil, da, wo sie mich verspotteten, wenn ich in rot-weiß-rot zum Bahnhof gelaufen bin, um zu einem weiteren Heimspiel nach Lautern zu fahren. Da, wo sie mich belächelten, wenn ich bei der Arbeit Hoffnung hatte, dass wir es doch irgendwie schaffen würden. Da, wo sie die eigenen hässlichen blau-weißen Schals erst in jener Saison ausgegraben hatten, da der KSC sich anschickte, eine Stipvisite in der Eliteklasse zu machen. Da, wo mittlerweile die Schals verschwunden sind.
Ich habe sie freudig getragen … meine Schals, mein Trikot … eines von 2010 Trikots … als ich am Sonntag zum Karlsruher Hauptbahnhof gelaufen bin, um zum letzten Heimspiel der Saison auf meinen geliebten Betzenberg zu fahren … zum letzten Heimspiel in der zweiten Liga. Da war kein Spott mehr, kein Belächeln! Da war der Neid, der Neid, dass da jemand schon seit Monaten auf ein Spiel fahren kann, ohne sich über den Klassenerhalt Gedanken machen zu müssen … dass er mit Fug und Recht von der Radkapp träumen kann, während der lokal ansässige Heimatverein – der mit der Wildsau als Maskottchen – mit Mühe und Not eventuell noch einen einstelligen Tabellenplatz erreichen könnte.
Ich war stolz auf das DVAG-Logo auf meinem Trikot, als mir von einem älteren Herrn mit OKI-Aufdruck auf dem seinigen erzählt wurde, dass das alles heute ja nichts Richtiges mehr sei. Dass damals gegen Madrid noch richtiger Fußball gespielt wurde. Dass die momentane Mannschaft sich nicht mit der von 1997/98 vergleichen könne. Dass er aber froh sei, endlich wieder auf den Betzenberg fahren zu “können”, jetzt, wo “wir” ja wieder erste Liga spielen. Wo war er? Wo war er, als wir mit nur einem Drittel der möglichen Besucher die schlimmsten Zeiten unserer Fanzeit erlebt haben? Wo waren all die anderen, die bei den letzten Heimspielen wieder die Bahnhöfe bevölkerten, die schon drei Stunden vor dem Spiel in K-Town aufschlugen? Wo waren sie, als wir sie so dringend gebraucht hätten?
Dennoch war es schön! Endlich wieder volle Kulisse! Endlich wieder volle Bahnhöfe! Endlich wieder keinen Sitzplatz in der Bahn! Auf dem Weg vom Bahnhof zum Schappert die ganzen Leute! Wie schön war es, in strahlende Gesichter zu blicken … dort auf dem Vorplatz, gemeinsam ein Bier zu trinken … anzustoßen! Anzustoßen zum neunzehnhundertsten Mal auf den Aufstieg, anzustoßen darauf, dass es heute noch mit der “Radkapp” klappen soll!
Eines allerdings strahlte nicht … der Himmel. So saß der Fritz wohl auf seiner Wolke und konnte nicht umhin, Kaiserslautern sein Wetter zu schicken. Denn er wusste genau: die momentane Mannschaft spielt lieber und besser ohne Regen … so jedenfalls schien es bei den jüngst vergangenen Spielen. Also schickte er sein Wetter als Gruß zum Spiel, um es dann rechtzeitig zum Spielbeginn wieder verschwinden zu lassen. Wir standen mittendrin – im Regen … im Fritz-Walter-Wetter … und danach zwischen den Leuten am Busbahnhof – nur halb geschützt von der viel zu hohen Dachkonstruktion, aber grundglücklich, bald den tollsten Verein der Welt spielen sehen zu dürfen.
Wie häufig konnten wir in den vergangenen Jahren durch die halb leere Halle im Norden laufen, noch eine Pizza essen und zwei Bier trinken und dann … eigentlich egal wann … in die Kurve, denn Platz war ja doch irgendwie immer. Nicht so an diesem Sonntag! Die Halle voll: statt zu laufen, mussten wir uns durchschieben! Eine Stunde vor Spielbeginn die Kurve brechend voll, so dass wir auf unsere angestammten Plätze über der Eingangsbrüstung verzichten mussten. Egal: Geil! So … genau so lieben wir unseren Betze!
50.300 Leute! 50.300 Besucher … davon die meisten Fans des geilsten Clubs der Welt! Der Betzenberg voll bis Unterkante Oberlippe! Wieder eine standesgemäße Aufwartung für Fritz Walters Erbe!
Es war angerichtet! Angerichtet für Moussa Ouattara und Erik Jendrisek, Moussa und Erik, die so wichtige Teile unserer Mannschaft waren, denen die Kurve mit donnerndem Applaus dankte für Einsatz und Leidenschaft. Erik, der uns so viele Tore geschenkt hatte, Moussa, der uns klar gemacht hatte, wie wohl man sich in Kaiserslautern fühlen konnte, auch, wenn man von ganz weit weg herkommt, auch wenn’s spielerisch gegen Ende nicht mehr so gelaufen war. Die Kurve skandierte noch einmal … zum letzten Mal: “Moussa, Moussa!” und “Jendrisek, Fußballgott!” Danke, Euch beiden. Viel Glück für die Zukunft!
Doch nicht nur die Vergangenheit holte uns ein. Auch die Gegenwart wurde zelebriert: Martin Amedick, unser Kapitän, der – frisch zum Spieler des Jahres gekürt – das Wort an die Fans richtete. Martin, der zum Symbol geworden ist für das, was uns die bisherigen 66 Punkte und damit den bereits sicheren Aufstieg geholt hatte: zum Symbol unseres Abwehrbollwerks!
Doch genug der Feiern: Es sollten mehr Punkte werden. Denn würde St. Pauli zeitgleich gegen den SC Paderborn gewinnen, so würde uns nur ein Sieg die Meisterschale retten. Würden wir selbst unentschieden spielen oder gar verlieren, so müssten die Hamburger mindestens das gleiche tun. Spannung war also wieder mal angesagt! Alles andere wäre halt auch höchst untypisch gewesen für die Roten Teufel! Einen vorzeitigen Aufstieg? Gerne! Aber ganz ohne Spannung bis zum letzten Tag? Wir alle wissen, dass wir uns zu Tode gelangweilt hätten. So war es richtig und gut, teuflisch richtig und gut, dass es auch am letzten Spieltag noch um einiges ging … nicht mehr um alles, aber um genug: Es ging um das runde glänzende Ding, um die Radkapp!
So ging das Spiel für die Kurve mit einem überdimensionalen “Aufstieg”-Plakat los, mit Luftballons, Dutzenden von Fahnen und Schals: einfach eben Westkurve durch und durch! Und entsprechend war die Stimmung. Auch wenn das Spiel etwas holprig startete, auch wenn die Felddominanz der Roten Teufel gegen das – der Zukunft in der Relegation geschuldet – reduzierte Puppenkisten-Team nicht zu Toren führte, auch wenn so häufig gute Angriffe im offensiven Mittelfeld stockten: Wir zelebrierten uns selbst und unser Team.
Doch schon in der ersten Halbzeit bekam die Stimmung einen Knick. Pauli führte gegen Paderborn und hätte uns also zu diesem Zeitpunkt von der Tabellenspitze verdrängt. Die Petrischale wäre dahin gewesen … und das wegen der Tordifferenz. Doch schon in der Halbzeitpause lichteten sich die Wolken. Paderborn hatte ausgeglichen und so war der ursprüngliche Abstand zwischen Teufeln und Kiezkickern wieder hergestellt … solange es so bleiben würde.
Das Spiel ging weiter. Und eigentlich hatte sich nicht viel geändert: Lautern dominierte, kam aber nicht mit der Kugel in die Augsburger Maschen … und plötzlich und aus heiterem Himmel … stand es 0:1! Stephan Hain, kurz vorher eingewechselt, brachte Augsburg in Führung. Zwar hätte das nach wie vor für die Radkapp gereicht (Lautern 66, Pauli 65), aber schön war die Situation dennoch nicht. Eine Niederlage auf dem heiligsten der heiligen Rasen … in einem derartig entscheidenden Spiel? Es wurde deutlich ruhiger auf dem Betzenberg.
Doch ab der 80. Minute dann überschlugen sich die Ereignisse: Zuerst ging Paderborn gegen Pauli in Führung. Das hätte bedeutet, dass nun Pauli in zehn Minuten ganze zwei Tore hätte schießen müssen, um wieder an die Spitze zu kommen. Der Jubel wog durch die Kurve und das gesamte Stadion. Und dann … ja dann … in der Nachspielzeit: dann kam Erik! Ein paar Sekunden vor Abpfiff machte er uns sein Abschiedsgeschenk. Der FCK musste nicht geschlagen und nur mit Paderborner Schützenhilfe Meister werden. Erik, der bei uns so schlimme Zeiten miterlebt hatte, der als kleiner Trotzkopf in Milan Sasic seinen Meister gefunden hatte, der Charakter gezeigt hatte, indem er zuerst in der zweiten Mannschaft gespielt, dann doch für die Erste sich wieder den Arsch aufgerissen hatte. Erik, der beim 1. FCK vom Kind zum Manne gereift ist. Erik, der sich bei uns derartig entwickelt hat, dass sogar Felix Magath auf ihn aufmerksam wurde und ihn nun zum deutschen Vize-Meister geholt hat. Danke, Erik! Danke für die schönen Jahre und die tollen Tore!
Der Jubel brachte die Stimmung fast zum Explodieren, aber erst ein paar Sekunden später war dann kein Halten mehr: kurz nach Abpfiff bestätigte Horst Schömbs, dass in Hamburg nichts mehr Schlimmes passiert war: Der FCK war in diesem Moment definitiv Zweitligameister … und wir fingen an zu heulen! Mehr zu heulen als beim Couch-Aufstieg, mehr zu heulen als bei der Aufstiegsfeier zwei Wochen zuvor. Egal wohin man sich umsah in der Kurve: zwischen Applaus und hochgehaltenen Schals liefen die Tränen aus aus unseren Augen.
Waren es 1997 noch 68 Punkte, hätten dieses Jahr die längst erreichten 66 gereicht, so ist auch die Zahl 67 eine wunderschöne! Die Mannschaft auf dem Rasen flippte genauso aus wie wir Fans auf den Rängen. Ein paar Deppen stürmten dann doch den Rasen, aber Tarzans breite Brust drängte sie dann doch ganz schnell zurück in die Kurve und so konnte Horst Eckel nach Plan ein paar Minuten später die Schale übergeben, bevor wir alle … nach ein paar weiteren Bieren miteinander … in Richtung Stadt wanderten, um den Moment zu genießen!
Und der Fritz lächelte. Er ließ sein Wetter weiter bei sich und gönnte den ausgehungerten Fans eine ausgelassene Zusammenkunft bei trockenem Wetter. Wahrscheinlich grinste er in sich hinein, freute sich, dass sein Verein endlich wieder dort spielt, wo er ihn seinerzeit zu Spitzenleistungen angetrieben hatte: bei der Elite! Und dann packte er sein Wetter ein, um es aufzuheben … aufzuheben für Zeiten, wo es gebraucht werden wird, Tage, wo’s auf dem Spielfeld nicht so läuft … Tage, wo ein Regenguss der jungen Mannschaft wieder den Mut der Verzweiflung bringt, wenn sie wissen: “der Fritz ist da”. Doch am Sonntag brauchte es keine Ermunterung. Da wurde einfach nur gefeiert, egal ob in Sonnenschein oder Regen.
Tausende vor dem Rathaus! Gute Laune überall: “Nie mehr 2. Liga”, “Lautern ist der geilste Club der Welt” und “Wir fahren nie mehr nach Karlsruh’” … wobei ich selbst bei letzterem etwas säuerlich gucken musste: musste ich doch noch an diesem Abend zurück ins nordbadische Exil. Dorthin, wo der Verein spielt, ohne den wir um sechs Punkte ärmer wären …
Doch bis zur Endstation in der Fächerstadt war ich nicht alleine: kam ich früher doch so häufig als letzter Rot-Weißer nachts in Karlsruhe an, so waren wir Sonntag-Nacht mindestens fünf Leute! Hoffentlich sehen wir uns oft wieder, nächstes Jahr, um immer wieder in Richtung Betzenberg zu fahren: in Richtung Heimat … alle 14 Tage … aber nie mehr montags!
Seit dem 13. Spieltag haben die Roten Teufel die Tabellenspitze nicht mehr verlassen! Seit dem sechsten standen sie ununterbrochen auf einem direkten Aufstiegsplatz. Und in der nächsten Saison geht’s gerade deswegen dann mit breiter Brust wieder daheim an’s Werk: Daheim in der Pfalz, daheim im Fritz-Walter-Stadion und daheim in der ersten Bundesliga!
(mms)



















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