Sanktionen! Die Antwort auf alle Probleme?
1. April 2010 | eingestellt von mms
Eines vorab: Eine gute und gesunde Fankultur muss und darf laut und auffällig sein, eine bunte und aufgeladene Atmosphäre mit Leidenschaft und Kampfeslust gehört zum Fußball wie das Salz in die Suppe.
Tausende Fußballfans machen Stadien zu Erlebnistempeln und tragen dazu bei, dass Fußball der Sport Nr. 1 in Deutschland ist. Und es sind Millionen friedlicher Fans, die diesen Beitrag leisten. Doch immer wieder kommt es zu vereinzelten Ausschreitungen, die das Bild eines farbenfrohen und leidenschaftlichen Fußballs schädigen. Leider führt dies zurzeit zu einer schwierigen Situation zwischen Grenzüberschreitung und Bestrafung.
Doch eines ist wichtig festzustellen: Der weit überwiegende Teil der Fußballfans ist friedlich und darf nicht für die Taten Einzelner bestraft werden!
Es sind schwierige Zeiten für Fußballfans. DFL und DFB gehen mit teilweise drakonischen Strafen gegen die Fanszenen einiger Clubs vor, die in jüngster Zeit durch deutlich negative Schlagzeilen aufgefallen waren:
22. März: Der 1. FC Nürnberg wurde wegen Abbrennens von Pyrotechnik mit der Folge schwerer Verletzungen dazu verurteilt bei zwei Auswärtsspielen keine Stehplatztickets und nur personalisierte Sitzplatzkarten zu verkaufen. 20.000 Euro wird der Verein jeweils in diesem und dem folgenden Jahr an das Jugendamt Nürnberg spenden. (Spiegel online, 22.03.2010: “Kurzpässe – Kießling fällt aus, harte Sanktionen gegen Nürnberg”)
23. März: Der 1. FC Köln darf wegen wiederholten Abbrennens von Pyrotechnik gar keine eigenen Fans zum Spiel nach Hoffenheim schicken und muss Hoffenheim den daraus entstehenden Einnahmenausfall ersetzen. (Spiegel online, 23.03.2010: “Rekordstrafe – DFB sperrt alle Kölner Fans in Hoffenheim aus”)
24. März: Hertha BSC Berlin – die Presse spricht davon, dass es sich hierbei um ein mildes Urteil handelt – muss 50.000 Euro Strafe für Fanausschreitungen im Innenraum des Stadions bezahlen und darf gegen den VfB Stuttgart nur 25.000 Tickets an seine Fans verkaufen. Ferner dürfen die über 6.000 Dauerkartenbesitzer der Ostkurve ihre Karten nicht nutzen. (Spiegel online, 24.03.2010: “Strafe wegen Fangewalt – DFB erspart Hertha das Geisterspiel”)
Soviel zu den jüngsten Fakten. Ein anderes Urteil ist schon etwas länger her, treibt aber seine Blüten in dieser Woche. Und diese Blüten verwundern die Öffentlichkeit, nicht jedoch eingefleischte Fans der deutschen Fußballclubs: Die Fanszenen aus St. Pauli und Rostock solidarisieren sich!
So kam es am vergangenen Wochenende zu ungewöhnlichen Szenen in Hamburg. Die erwarteten Ausschreitungen vor dem Stadion blieben zwar weitestgehend aus, dafür war nun nicht mehr klar, wie weit die St. Pauli-Ultras gehen dürfen, indem sie von anderen Fans forderten, bei der Solidaritätsbekundung, die dergestalt ablaufen sollte, dass die Ränge erst nach fünf Minuten betreten werden, mitzumachen.
Mehr bei Spiegel (Spiegel online, 29.03.2010: “Blockade statt Boykott auf St. Pauli – Wie weit dürfen Ultras gehen?”)
Um dieses Phänomen zu beleuchten reicht es nicht aus, einfach Parolen in die Welt hinauszuposaunen oder die puren Fakten zu zitieren. Es muss weiter ausgeholt werden.
Eine kurze Zusammenfassung des folgenden Artikels vorweg für die Schnell-Leser
- Wie alles im Leben ist Fankultur vielfältig. Aber sie ist eindeutig eine Form von “Kultur”, die alles bietet, was man gemeinhin unter Kultur versteht.
- Wie sich der einzelne Fan definiert, kann die verschiedensten Ausprägungen haben. Doch sollte ein wesentlicher Teil des Anspruchs an sich selbst sein, allen Schaden vom Verein abzuwenden, nicht nur durch Support den Schaden der sportlichen Niederlage. Letztendlich wird jeder “wirkliche” Fan (und um diese Frage geht es häufig) sich fragen müssen, ob er seine Gefühle soweit unter Kontrolle hat, dass es zu keiner – wie auch immer gearteten – Beschädigung des Vereins oder anderer kommt.
Am Ende haben alle Fans eines gemeinsam: Leidenschaft für den Sport und ihren Verein. - Aus dieser Leidenschaft heraus können zuweilen Grenzen überschritten werden. Diese Grenzen müssen die Vereine, aber auch die Gesellschaft als Gesamtheit klar machen und auf ihre Einhaltung achten. Eine besondere Eigenschaft der Fankultur ist die Provokation und Einschüchterung des Gegners. Aber auch wenn hier im Stadion andere Regeln gelten als sonst, ist die Grenze eindeutig beim Thema “Gewalt” erreicht.
- Provokationen müssen keine ernsthafte Bedrohung von Leib und Leben bedeuten. So wird häufig von Außenstehenden die eigene Gefahrenlage fehlinterpretiert, da laute Fans schon häufig mit gewaltbereiten Fans gleichgesetzt werden. Dies aber prägt leider das Bild der Fans in der Öffentlichkeit.
- Genau hierauf bauen die Medien gerne auf. Häufig werden einzelne Ereignisse suggestiv aufgebauscht und von positiven Ereignissen in der Fankultur wird erst gar nicht berichtet. Besonders der Einsatz von Pyrotechnik wird dabei aber immer gerne als Bildmaterial verwendet.
- Pyro ist gefährlich und aus gutem Grund verboten. Nichtsdestotrotz ist es ein grandioser Anblick, wenn ein Fanblock “brennt”, weswegen man den Wunsch danach verstehen, die Anwendung derselben aber kritisch sehen muss. Ganz abgesehen davon schadet jedes abgefackelte Stück Pyro dem Verein.
- Dass insbesondere Jugendliche ihre Grenzen kennenlernen und das Abwägen zwischen Freiheit und Regeln erlernen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht nur eine der Fußballvereine.
- Die “Gewalttäter” (oder straffällig gewordenen Fußballfans”) allerdings zu dämonisieren und immer weitere Repressalien zu fordern, ist kein Weg, der zu einem positiven Ausgang führen wird. Viel mehr ist es hier erforderlich, sich mit den “Problemfällen” auseinanderzusetzen, um – durch Verstehen der Situation der Einzelnen – statt Symptombehandlung zur Ursachenbekämpfung überzugehen.
- Politikersprüche, wie das Fordern von Nacktscannern und immer weiteren Stadionverboten, sind aber eher kontraproduktiv, denn sie führen zu immer mehr Widerstand in den Fanszenen und zementieren das gemeinsame Bild des Feindes “Obrigkeit”.
- Ferner kommt es dadurch zu einer Kollektivierung der Schuldfrage, die eine feine Unterscheidung zwischen wahrem Täter, Mitläufer und Nebenstehendem erschwert, ebenso eine saubere Abwägung zwischen Schwere der Tat und Grad der Bestrafung.
- Insbesondere durch die jüngst ausgesprochenen Urteile werden alle Stadionbesucher bestraft. Wenn nicht durch den verwehrten Zutritt zum Stadion dann doch zumindest durch die Einschränkung des Erlebnisses “Fußball”, wenn Kurven plötzlich leer sind und folglich keine “Stimmung” machen.
- Fanprojekte können viel erreichen und sich selbst organisierende Fangruppen können positiven Einfluss auf “Problemfälle” nehmen. Hier gilt es, durch gezielte Unterstützung alles herauszuholen, was herauszuholen geht, wenn es darum geht, Gewalt zu verhindern. Vereinfacht und vielleicht etwas flapsig ausgedrückt: “Fans sind übrigens nicht doof: nur manchmal muss man ihnen eben sagen, dass sie gerade Sch… bauen.”
- Zuletzt muss eben durch eine intensive Kommunikation mit der Fanszene und mit der entsprechenden Geduld erreicht werden, dass sich die Problemszenen aus sich heraus “reinigen”. Sollten allerdings einige Individuen die Regeln des gegenseitigen Miteinanders nicht akzeptieren und klare und deutliche Grenzen überschreiten, dann müssen sie dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden, denn sonst schaden sie dem großen Ganzen.
So, und nun ausführlich …
Was ist Fankultur?
Zunächst stellt sich die inherent schwierige Frage: Was zeichnet eigentlich Fankultur im Fußball aus?
Nun, Fußballfan zu sein hat viele Facetten. Da sind die Couch-Hocker, die selten bis nie in einem Stadion anzutreffen sind und ihre Leidenschaft hauptsächlich vor den Fernsehern ausleben – bei Bier und Chips, ohne dass die Mannschaft davon etwas mitbekommt. Da sind die Gelegenheisgänger, die gerne mal ins Stadion kommen, vielleicht noch einen Schal in den Vereinsfarben des Heimatvereins umlegen, sonst aber nicht weiter auffallen … viele weitere Formen ließen sich nun noch aufzählen, aber kommen wir zum wesentlichen … da sind die Fans, die jedes Heimspiel und fast jedes Auswärtsspiel besuchen, sich in die Fankurve (notabene) stellen (!) und ihren Verein mit allem, was sie haben, unterstützen. Unter ihnen wiederum finden sich diejenigen, die nur dastehen und scheien, diejenigen, die Fahnen schwenken, diejenigen, die alle Fangesänge auswendig kennen, diejenigen, die Gastfans am Bahnhof dumm von der Seite anmachen, ohne weiter zu Übergriffen zu neigen … allerdings auch diejenigen, die zuweilen zu gewalttätigen Übergriffen bereit sind und diejenigen, die diese von sich aus suchen.
Wie überall im Leben also eine bunte und vielfältige Szene, die sich im Grunde genommen jeder Kategorisierung entzieht. Doch versuchen wir eine grundsätzliche Definition des Begriffs “Fan” im Gegensatz zu einem einfachen “Sympatisanten”: Man kann den “Fan” als jemanden bezeichnen, der (oder die) seinen oder ihren Verein mit allem, was diesem nützen könnte – sei dies Geld, Zeit, Stimme oder Kreativität – unterstützt und jedweden Schaden von dem Verein abzuwenden versucht.
Soweit, so akademisch. Doch was ist der abgewendete Schaden? Im Fußball geht es hauptsächlich um eines: gewinnen! Und das heißt, besser zu sein als der Gegner. Was auf dem Platz so einfach als die Summe der Lederbälle in Maschennetzen auf ein Ergebnis in zwei Zahlen zu reduzieren ist, stellt sich in der Szene anders da: dort sind erschrockene oder eingeschüchterte Gegner – oder gegnerische Fans – ein Teil des Sieges, denn je verschreckter die gegnerische Fanszene, desto geringer der Support für das gegnerische Team. So sind große Fan-Choreographien oder laute und gut besuchte Fankurven eben nicht nur eine schöne Sache, sondern ein Beweis dafür, dass man besser ist als der Gast, und insbesondere die Kurve ist etwas, das dem Gegner Angst einflößen und somit seine Leistungsfähigkeit herabsetzen soll. Die Fans können also ihrer Pflicht als 12. Mann nachkommen.
Genau dies ist Teil der Fankultur. Ja, einer “Kultur”! Diese Kultur basiert vielleicht auf recht archaischen Darstellungsformen der eigenen Überlegenheit, aber nichts desto trotz ist es eine Kultur, ein Modus Vivendi, ein kultivierter Habitus. Und als solche steht sie für Kreativität, Leidenschaft und Kampfeswillen – Eigenschaften, die in allen Bereichen unserer Gesellschaft wichtige Rollen spielen.
So bietet diese Kultur alles, was man gemeinhin mit diesem Begriff verbindet: *Unterhaltung* im Stadion und in den Medien, *Auseinandersetzung intellektueller Art* von dem Kalkulieren der Tabellenposition und der sich daraus ergebenen Chancen bis hin zu der Auseinandersetzung mit eben diesem Artikel, *Kreativität* von der Gestaltung eines Transparents oder eines Fanclubschals bis hin zu Fanpublikationen, wie sie zum Beispiel von der Generation Luzifer oder der Frenetic Youth zu erhalten sind oder hin zu ganzen Internetportalen der Gewichtsklasse “Der Betze brennt”. Da ist ferner die Emotion – die Grundlage alles Kulturschaffenden: gerade im Stadion ist diese einfach nicht wegzudenken, und nicht zu vergessen ist da das Gemeinschaftgefühl sei es in der Kneipe oder im Wohnzimmer (wenn man mal ein Spiel nicht live sehen kann), aber natürlich besonders in der Fan- oder Gästekurve im Stadion.
Was ist ein “wirklicher” Fan?
Diese Vielfalt trägt nahezu schon zwingend eine Frage in sich: Was unterscheidet nun die eine Form eines Fans von der eines anderen? Oder weiter gedacht: Was zeichnet einen “wirklichen” Fan aus?
Eines sei zu diesem Thema vorausgeschickt: Jede Fraktion in der großen Szene hat eigene Vorstellungen davon, was diesen Begriff ausmacht, aber versuchen wir dennoch, einen grundsätzlichen Punkt festzuhalten:
Leidenschaft! Die Emotionen, die in einem hochkommen, wenn das eigene Team ein Tor schießt, wenn es ein Ziel erreicht, sei es, den Abstieg zu verhindern, den Aufstieg zu schaffen, international zu spielen, Deutscher Meister zu werden – dieses Gefühl, dass es einem selbst eine Woche lang schlecht geht, wenn das eigene Team verloren hat, diese Begeisterung, die einem das Lächeln für eine ganze Nacht ins Gesicht zaubert, wenn wieder einmal ein Sieg gegen einen schier unbezwingbaren Gegner auf der Rechnung steht!
Diese Leidenschaft hat alle möglichen Ausprägungen: Für den einen ist mit der Freude oder dem inneren Leid die Sache erledigt, andere müssen die Woche drauf zum nächsten Spiel und singen oder schreien, wieder andere müssen undbedingt Fahnen schwingen, das Heimtrikot tragen, manche schminken sich, andere schreiben einen Liebesbrief an den eigenen Verein, sammeln Autogramme, fotografieren das Stadion oder die Spieler. Doch manchmal arten diese Gefühle aus und – aus Frust oder Überheblichkeit – mutieren zu Gewaltfantasien, die zuweilen umschwingen in Provokationen, Zerstörungswut und im schlimmsten Fall in Gewalt gegen Menschen.
Auch wenn es gerade bei den letzten beiden Fällen um die Frage der Überschreitung von Grenzen geht, wollen wir zunächst eines festhalten: Alle diese Typen von Leidenschaft sind durch eine gemeinsame Klammer verbunden: Sie sind Teil einer gemeinsamen Szene, einer gemeinsamen Leidenschaft für einen Verein!
Grenzen … oder die Frage nach dem Schrankentrias
Zurück zu den “Auswüchsen” der Leidenschaft. Unabhängig von aller Passion für eine Sache oder eine Gruppe, einen Verein oder gar eine Familie: jede Form von sich organisierenden Kollektiven muss ein Regelwerk aufstellen, das akzeptables von nicht akzeptablem Verhalten trennt. In unserer Welt hat sich hier besonders ein Grundsatz herausgeprägt:
Der Volksmund kennt es unter: “Was Du nicht willst, das man Dir tu’, das füg’ auch keinem ander’n zu”.
Die biblische Überlieferung kennt den Ausspruch Jesu Christi: “Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst”.
Das Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland kennt den Begriff des “Schrankentrias”, welcher besagt, dass die persönliche Freiheit endet an der Freiheit des Anderen oder an der bestehenden Gesetzeslage, also der Kollektivierung der Freiheit bzw. der Rechte der Anderen.
Aus diesem Grundsatz heraus hat unsere Gesellschaft Gewalt sowohl gegen Gegenstände als auch gegen andere Personen grundsätzlich sanktioniert. Zwar mag es einen Unterschied in der Bewertung geben: die Gewalt gegen Personen ist schlimmer zu bestrafen als die gegen Gegenstände … die Bestrafung von Gewalt aus dem Affekt heraus berücksichtigt die menschliche emotionale Herkunft und kann unter Umständen milder bestraft werden als geplante Gewalt. Dennoch ist es grundsätzlich nicht akzeptiert, Gewalt anzuwenden.
Soweit, so juristisch. Was heißt das für das Soziotop “Fußballstadion”?
Es mögen im Stadion andere Regeln gelten als im alltäglichen Leben. Vielleicht ist das der Fall gerade aus dem Grund heraus, dass hier Emotionen eine vorherrschende Rolle spielen. Dennoch gibt es unumstößliche Grenzen, deren Überschreitung unsere gesamte Gesellschaft entgegenwirken muss. Und eine dieser Grenzen heißt eindeutig: “Gewalt”!
Die empfundene Bedrohung und der gebrochene Kiefer
Man sollte meinen, dieser Konsens sei mittlerweile in der gesamten Gesellschaft angekommen. Wiederholte Vorfälle in den Stadien und um die Stadien herum beweisen leider das Gegenteil. Doch so einfach der Fall bei tatsächlicher Gewaltanwendung auch gelagert ist, in der öffentlichen Wahrnehmung spielt neben der puren Definition und dem reinen Sachverhalt eines gewalttätigen Übergriffs noch ein anderer Aspekt eine Rolle: der der empfundenen Bedrohung.
Besonders wenn Fußballfans “on tour” sind, zeigen sie zuweilen ein Verhalten, von dem sich Unbeteiligte bedroht fühlen: lautes Provozieren und Selbstdarstellen. Dieses Verhalten muss nicht zwangsläufig zu Gewalt führen, allerdings vermuten der gemeine “Spiegel”-Leser, der neben einer Gruppe alkoholisierter Fußballfans im Zug sitzt und die Dame aus besserem Hause, die gutgeschminkt und gemschmückt mit mehreren Goldringen vor dem Bahnhof auf ein Taxi wartet, gerne, dass sie nun knapp einem Angriff entgangen sind. In ihrer Welt existiert keine “Kultur”, die durch lautes und auffälliges Auftreten eine besondere Beziehung zu Sport und Verein darstellt.
So werden besagte Personen nach Schutz suchen, einen Schutz, den sie in Ordnungskräften und Verboten zu finden glauben. Die Schwelle dessen, was sie zu tolerieren bereit sind, ist überschritten, wenn um sie herum Fans die heilige Ruhe stören. Während also andere einfach daneben sitzen und sich das Spektakel ansehen, haben sie eine undefinierte Furcht, dass sie nun gleich zu Opfern werden. Es sei dahingestellt, wie häufig etwas derartiges wirklich schon passiert ist. Höchstwahrscheinlich sind unsere beiden vollkommen sicher, denn eigentlich gilt für die Szene der Ehrencodex, niemals Unbeteiligte anzugreifen, noch nicht einmal solche, die den falschen Schal tragen, solange sie als “normale” Fußballfans zu erkennen sind und ihrerseits nicht provozieren … eigentlich …
Hier kommt aber eine grundsätzliche gesellschaftliche Entwicklung zum tragen: In einer Zeit, in der schon der Geruch eines Döners in der Straßenbahn von manchen als Einschränkung der eigenen Freiheit empfunden wird, ist die Schwelle für das, was man als Belästigung empfindet, sehr niedrig. Und von Belästigung zu Bedrohung ist es dann eben nur ein ganz kleiner Schritt.
So sind wir auch hier wieder bei der Frage, wo die Freiheit des einen anfängt und wo die eigene aufhört. Zumindest könnte man dies meinen, aber nein, es geht noch weiter: Diese empfundene Bedrohung prägt das Bild von Fußballfans in der Öffentlichkeit.
Von den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung
Und genau hier liegt ein großer Teil des Hasens im Pfeffer: die Wahrnehmung der Fanszene in der Öffentlichkeit und damit natürlich insbesondere in den Medien.
Wann hat man zum letzten Mal in den großen meinungsbildenden Medien dieses Landes gelesen, dass ein Fußballspiel mit einer tollen bunten Fankulisse stattfand, es indes zu keinerlei Übergriffen kam?
…
…
…
eben!
Wenn man sich an Berichte erinnert, in denen von Fans berichtet wird, dann geschieht dies meistens im Kontext “Randale”. Hübsche Bilder von Polizei, die mit Wasserwerfern gegen Fans vorgehen “muss”, Artikel über Ausschreitungen, bei denen Sitzbänke herausgerissen oder Toiletten zerstört wurden.
So funktioniert die moderne Medienwelt: Nur schlechte Nachrichten scheinen gute Nachrichten zu sein. Eine Schlagzeile “Friedliches Fußballfest in rot-weiß” bringt vermeintlich weder Leser noch Werbeeinnahmen. Doch hier muss sich die Medienwelt fragen, welchen Beitrag sie zu dem schlechten Bild, das Fußballfans mittlerweile in der Öffentlichkeit haben, beigetragen hat. Und sie muss sich auch fragen, ob denn diese punkutelle Herausstellung (und dies zuweilen überspitzt) die wirkliche Wahrheit wiederspiegelt. Allein in der Lautrer Westkurve stehen alle zwei Wochen an die 15.000 Fans. Betrachtet man, wieviel tatsächlich passiert, dann wäre es durchaus wichtiger zu schreiben, dass hier eine tolle Atmosphäre herrscht. Aber nein: was in der öffentlichen Wahrnehmung ankommt, ist das Abbrennen von Pyrotechnik … wenn es zu keinen Gewalttaten kam, muss eben das Feuerwerk herhalten.
Von der Gefährlichkeit der Pyrotechnik
A propos: Genau das Thema Pyrotechnik erhitzt immer wieder die Gemüter. Doch auch die Presse hat nichts besseres zu tun, als dann, wenn wieder Feuerwerkskörper gezündet wurden, Bilder von diesem Schauspiel in der Republik zu verbreiten. Fahnen findet man allerhöchstens in Fanforen. Die brennende Kuve in rot, dieses Bild wird gerne veröffentlicht. (Beispiele: Süddeutsche online am 18.03.2010: “Gewalt unter Fußballfans – Im Dschungel der Stadien” oder am 07.03.2010 “Fußball: Fans und Gewalt – Erst prügeln, dann schweigen” aus der Süddeutschen Zeitung)
Und wenn’s denn mal nicht ausreicht, was so an Bildmaterial aus deutschen Fanszenen zu finden ist, dann wird auch gerne mal die weltweite Fußballszene herangenommen, um noch etwas intensiver über Gewalt im Stadion zu “informieren”. (Beispiel: Spiegel online, 16.03.2010, “Gewalt im Fußball: Frenetische Fanatiker” und die dazu gehörige Fotostrecke) Am Ende kommt kein Bildmaterial ohne brennende Fankurven aus. Hier fällt insbesondere auf, dass drei Tage später ein Artikel erscheint (19.03.2010: “Fan-Krawalle – Sechs Gebote gegen Gewalt”), der sich mit Methoden auseinandersetzt, Gewalt in Deutschland zu verhindern … auch hier wieder die gleiche Fotostrecke mit Bildern aus anderen europäischen Staaten … und natürlich Pyro.
Zugegeben: An den Feuerspielchen scheiden sich die Geister. Und das zurecht!
Die Fakten: Feuerwerkskörper, egal ob sie nun abbrennen oder explodieren, sind inherent gefährlich. Die häufig eingesetzten sogenannten “Bengalischen Feuer” brennen mit einer Flammentemperatur von jenseits der eineinhalbtausend Kelvin, einer Temperatur, die schlimmste Verbrennungen verursachen kann, die im schlimmsten Fall also Leib und Leben der Umherstehenden gefährdet. Die jüngsten Vorfälle in Bochum haben das gezeigt. Es hat also einen guten Grund, warum das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion verboten ist. Von eventuellen Gesundheitsbeeinträchtigungen durch den Rauch wollen wir hier gar nicht reden.
Nichtsdestotrotz trägt der bloße Anblick von brennenden Bengalischen Feuern zu einer grandiosen Atmosphäre bei, eben diese Atmosphäre, die gerne auch auf Bildern in den Medien genutzt wird, um die Bedrohlichkeit der Atmosphäre im Zusammenhang mit randalierenden Fans darzustellen. Doch genau hier offenbart sich die Unehrlichkeit der Berichtserstattung: Sind diejenigen, die die Feuer abbrennen auch tatsächlich diejenigen, die gewalttätig werden? Sie mögen eine Ordnungswidrigkeit begehen, zugegeben, aber alleine das Bild einer “brennenden Kurve” hat noch lange nichts mit “Gewalt” im Stadion zu tun.
Das Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände ist in Deutschland klar reglementiert und besonders in Stadien grundsätzlich verboten – zurecht. Bei allem Verständnis für die grandiose Kulisse: in der Abwägung von Emotionen und Eindrücken mit der Gefahr um die Gesundheit der Stadionbesucher muss letzteres den Vorrang haben. Nichtsdestotrotz muss aber auch die Bewertung der “Übergriffe” Maß halten und keine Dinge in einen Topf werfen, die von grundsätzlich anderer Qualität sind.
Was allerdings das “Fan-Sein” angeht: Mit jedem abgebrannten Feuerwerk schaden die “Täter” dem Verein. Will man nicht von dem Imageschaden reden, so reicht es darauf hinzuweisen, dass immer dann, wenn Pyro brennt, der Verein nachträglich dafür bezahlen muss. Gerade in Zeiten klammer Kassen also etwas, das “wirkliche” Fans mit aller Macht vermeiden sollten.
Gesamtgesellschaftliche Verantwortung
Zum Unterscheiden der oben genannten Sachverhalte, zur Selbstbeschränkung zugunsten des gemeinsamen Gutes aber gehört eine gewisse Ausbildung, oder besser: Erziehung.
Blickt man in die Fanszenen, so fällt auf, dass unter den wirklichen Gewalttätern meist Jugendliche sind. Dies mag wenig überraschen, ist aber ein wesentlicher Teil der Ursachenforschung. Gewalt um den Fußball herum hat es immer gegeben. Schlägereien zwischen Fans … egal welcher Altersklasse … entstanden aus momentanen Emotionen. Doch organisiertes Treffen, sich zu Verabreden mit den gegnerischen gewaltbereiten Fans, das Gefühl, zuschlagen zu müssen, damit man Anerkennung in der eigenen Subkultur erlangt?
Die zuletzt genannten Punkte sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen, offenbaren aber ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem, will man nicht nur von Symptomen sondern auch über Ursachen sprechen. Gibt es heute also einen höheren Anteil an Jugendlichen, die auf der Suche nach Anerkennung und Zielen im Leben durchaus bereit sind, Gewalt einzusetzen? Und viel spannender: Begünstigt die Atmosphäre im und um das Stadion und den Fußball die Tendenz, durch das bewusste Übertreten von gesellschaftlichen Regeln diese Anerkennung auch zu finden? Der Verdacht liegt nah.
Doch genau dann ist die Gesellschaft als Ganzes gefordert! Sie muss Jugendlichen Ziele geben, die jenseits von Grenzüberschreitungen liegt. Sie muss vom Elternhaus angefangen über Kindergarten, Schule aber auch in Vereinen, ggf. auch Kirchen oder Jugendzentren Umgebungen schaffen, die es jungen Menschen ermöglichen, die eigenen Grenzen auszutesten ohne gleich zu Straftätern zu werden.
Der Schläger: Monster oder armes Schwein?
Für eine derartige Auseinandersetzung mit dem Sujet ist aber eines vonnöten, das in Presse und Politik selten zu finden ist: Verständnis und der Wille sich mit dem “bösen Schläger” auseinanderzusetzen, seine Geschichte kennenzulernen … nach Ursachen zu fragen.
Wenn ein Mensch, der nichts hat, keine Ziele, keinen Erfolg in Ausbildung und Beruf, vielleicht darüber hinaus auch wenig Freunde, dann ist man häufig schnell dabei, die Schuld bei ihm selbst zu suchen. “Die Gesellschaft bietet ja genug Möglichkeiten”, ist häufig zu hören.
Dies mag zum Teil richtig sein. Wir sind nun beileibe kein Land, in dem es wenig Möglichkeiten gibt, etwas aus sich zu machen. Aber nicht immer klappt das. Und gerade dann, wenn die Träume, die Ziele unerreicht bleiben, oder – schlimmer noch – wenn keine mehr bleiben, ist der Weg in die Gewaltbereitschaft nicht mehr weit. Wer sich auf die eine Art nicht beweisen kann, tut es eben auf die andere, ist plötzlich der Überlegene, wenn der Sitz vor ihm zersprungen ist oder gar der Gegner blutend auf dem Boden liegt.
So stellt sich die Frage, wie Menschen, die nur noch ihre eigenen Emotionen haben, sie vielleicht auch nur noch im Fußballstadion ausleben können, wieder zurückgeholt werden können in eine Gesellschaft, die sie akzeptiert und ihnen andere Möglichkeiten bietet, sich zu beweisen.
Doch es sind beileibe nicht nur die “hoffnungslosen Fälle”, die plötzlich gewalttätig werden. Dabei darf man nicht vergessen, dass das Austesten von Grenzen ein ganz natürliches Phänomen eines heranwachsenden Jugendlichen ist. Und gerade in einer Zeit, die durch durchaus positiv fortschreitende Liberalisierung viele klassische Grenzen abgebaut hat (wenn jemand sich auf dem Marktplatz die Hose runterzieht und sein nacktes Hinterteil präsentiert, regt sich heutzutage kaum noch jemand auf), wird es immer schwieriger, Grenzen durch Grenzüberschreitung zu erfahren.
Es muss also eine Antwort her! Eine Antwort, wie die Gesellschaft als Ganzes mit diesen Problemen umgehen will, indem sie sie ursachenorientiert löst.
Politik, Polizei und die Parolen
Die Politik zieht sich hier gerne auf den Standpunkt zurück, man müsse eben härter kontrollieren, durch höhere Präsenz von Ordnungskräften von Übergriffen abschrecken und im Zweifelsfall alles verbieten, was auch nur im Ansatz gefährlich werden könnte. Selten hört man Stimmen, die von intensiverer Fanbetreuung reden. Lieber man steckt Geld in Polizeieinsätze als in Sozialarbeiter im Umfeld der Stadien. Und auch der Begriff “Nacktscanner” (Rheinische Post, 22.10.2008: “EU-Abgeordnete alarmiert: Nackt-Scanner bald im Fußballstadion?” oder am 02.03.2010: “Nach Fußball-Randale in Bochum – NRW-SPD fordert Nacktscanner in Stadien” ) taucht zuweilen mal auf, wenn es darum geht, die Sicherheit in Stadien zu erhöhen.
Doch gehen derartige Äußerungen selten über einfache Parolen hinaus und entlarven im Grunde genommen nur die bisherige Politik als gescheitert. Hektisch wird versucht mit Schnellschüssen Meinung zu machen, dass einfache Verbote und scharfe Kontrollen das Problem schon in den Griff bekommen werden. Man umgeht so die Frage: “Was habt Ihr denn bisher getan? Warum habt ihr es so weit kommen lassen?”
Die Antwort ist sicherlich nicht einfach. Denn betrachtet aus einer einfachen Perspektive, die die jeweiligen persönlichen Geschichten und Schicksale der Betroffenen nicht berücksichtigt, ist es natürlich ein Leichtes, einfach zu antworten: “Wir waren bisher nicht hart genug und außerdem ist das ein neues Phänomen!”
Soweit, so platt. Dass aber das grundsätzliche Phänomen erstens nichts Neues ist und zum anderen Härte nicht immer die Antwort auf alle Fragen ist, wird dabei gerne unter den Teppich gekehrt (oder zumindest übersehen).
Actio und Reactio
Das dritte newtonsche Axiom besagt, dass jede Aktion eine rückwirkende gleich große Reaktion erwirkt. Dieses Prinzip (das zugegeben eigentlich zur klassischen Mechanik gehört) lässt sich häufig gut auf die Frage anwenden, inwieweit Restriktionen und Härte zu der gewünschten Entspannung in den Stadien führen kann.
Die Argumentation ist einfach: Wenn ich die Stadienbesucher strenger reglementiere, werden sie sich schon nicht trauen, etwas “böses” zu tun. Allerdings wird dabei verkannt, dass es zum Umgehen der Reglementarien kommen wird, dass es im schlimmsten Fall zum Verlagern der Gefühlsausbrüche kommen wird und dass am Ende die Summe der Gewaltausbrüche solange die gleiche bleiben wird, bis jemand an den Ursachen der Gewalt arbeitet, statt immer nur an der Oberfläche Symptome zu behandeln.
Gemeinsamer Feind: Obrigkeit
So werden harte Strafen hauptsächlich eines erreichen: Je schlimmer und je subjektiv ungerechter es diejenigen trifft, die – aus welchen Gründen auch immer – Grenzen überschritten haben, desto mehr werden sich andere, die möglicherweise bisher mit dem Thema wenig zu tun hatten, solidarisieren. Es wird ein gemeinsames Bild entstehen: das des gemeinsamen Feindes, der “Obrigkeit”!
Zuweilen ist das schon längst geschehen, durch restriktives Vorgehen der Ordnungskräfte (seien es Ordner im Stadion oder Polizisten) wird dieses Bild aber noch verstärkt, die Gräben weiter geöffnet.
Insbesondere der Eindruck, dass einerseits ungerechtfertigt hart vorgegangen wird (das Werfen eines Schneeballs ist etwas völlig anderes als das Einprügeln auf einen anderen Menschen) und andererseits ein bestimmtes oder unbestimmtes Kollektiv für die Taten einzelner bestraft wird, führen zu immer stärkeren Solidarisierungseffekten in den sozialen Gruppen.
Zuweilen fragt man sich schon, ob man denn noch stehen bleiben darf um ein paar Bekannte aus der “Ultra-Szene” zu begrüßen, wenn nebendran Polizisten stehen. Man hat eine unbestimmte Furcht, dass man, wenn jetzt irgendetwas passiert, dran ist, obwohl man überhaupt nichts getan hat – einfach nur, weil man sich in einer bestimmten “Szene” aufgehalten hat. Berichte von Fanvertretungen schildern einige dieser Fälle (ob die Berichte stimmen oder nicht, sei hier nicht kommentiert, alleine durch ihre Häufung erlangen sie eine gewisse Glaubwürdigkeit).
Doch das ist nur der eine Teil der Kollektivierung von Schuld. Durch die jüngsten Urteile haben DFL und DFB klar Stellung bezogen und die große Masse unschuldiger und friedlicher Fans dafür bestraft, was einzelne Täter angerichtet haben. Ein Rechtsverständnis, das zumindest das Prädikat “fragwürdig” verdient.
Was manchen, die in den Kommentarfunktionen der diversen Internetblätter gerade die Urteile hoch leben lassen, nicht klar ist: Auch der Rest der Fangemeinde wurde damit bestraft! Denn eine lebendige Kurve ist das Herzstück eines erfüllten Stadionbesuchs der Kategorie “Erlebnis”. Somit leiden sogar diejenigen, die auf den Haupt- und Gegengeraden jenseits der klassichen Fanblocks nun erleben, wie öde die Stimmung ist, wenn keine “Kurve” ordentlich einheizt.
Schade!
Eine gezielte rechtliche Verfolgung derjenigen, die deutliche Grenzen überschritten haben, wäre die bessere Alternative. Denn eines muss klar sein: Jeder, der Grenzen überschreitet, muss auch mit den Konsequenzen leben. Die Frage ist eben, wie diese Konsequenzen aussehen.
Das leidige Thema Stadionverbot
Wer ausschließlich auf Randale aus ist, sollte nicht zur Gefahr für andere werden. Zugegeben. Das viel diskutierte Thema “Stadionverbot” liefert vermeintlich eine Antwort auf alle Fragen. Doch sind wir uns sicher, dass hier wirklich nur diejenigen getroffen werden, die in der Tat schwerwiegende Grenzüberschreitungen begangen haben? Sind wir uns sicher, dass wir damit die Ursachen der Überschreitungen in den Griff bekommen – insbesondere wenn diese Verbote über eine lange Zeit gelten? Die Berichterstattung der Fanszenen spricht eine andere Sprache.
Was sind die Kriterien, nach denen ein Stadionverbot ausgesprochen wird? Wie sind die Taten überprüfbar? Wie wird die Schwere der Tat mit der Höhe des verhängten Verbots gekoppelt?
Gerichtlich ist klar: Die Sache des Stadionverbots ist Sache der Vereine und fällt unter ihr Hausrecht. Soweit so gut. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es etwas anderes ist, wenn ich jemandem verbiete, mein Wohnzimmer zu betreten, als wenn ich ihn von einem Event ausschließe, dass gesamtgesellschaftliche Bedeutung und Verantwortung hat.
Denn gerade im Fall der gesellschaftlichen Verantwortung ist der Fußballverein in der Pflicht! Er bietet nämlich auch das Forum, in dem Menschen, die anderweitig Probleme haben, ihren Frust kanalisieren können. Meist geht das ohne Gewalt ab. Und meistens funktioniert es wunderbar. Damit übernimmt der Fußballclub öffentliche Aufgaben, damit hat er sich aber bei der Verhängung von Verboten auch an gesamtgesellschaftliche Prinzipien zu halten. Nicht zuletzt werden viele deutsche Vereine durch öffentliche Kassen unterstützt. Mit Fug und Recht, aber damit kommt eben auch eine Verpflichtung.
Denn eine weitere Frage stellt sich: Was machen Leute, die Stadionverbot erteilt bekommen haben, dann, wenn ihnen ihr soziales Umfeld abhanden kommt, wenn ihnen ihre größte Leidenschaft genommen wird? Werden sie sich brav in ihr Zimmerlein zurückziehen, zwei Jahre lang nachdenken und danach geläutert und zufrieden wieder in den großen Kreis der Gemeinschaft zurückkehren und den Politikern, die am lautesten Stadionverbote fordern, ihre Stimme geben, weil sie erkannt haben, dass sie selbst ja für ihr böses Verhalten bestraft werden mussten … für Dinge, die sie getan haben oder vielleicht auch nicht getan haben? Na ja, vielleicht … aber ich glaube ja auch noch an den Osterhasen, der ist so schnuckelig …
Vielleicht nicht promoviert, aber durchaus nicht doof
Weit jenseits von heißen Eisen sieht man denn auch, dass es auch anders geht. So zeigen insbesondere bei unserem Verein die Erfahrungen mit Sonderzügen, die vom Verein gemietet werden, zum Beispiel, dass Probleme mit Vandalismus deutlich geringer sind als in öffentlichen Entlastungszügen.
Es wird auch immer wieder berichtet, dass aktiv arbeitende Fanprojekte und -betreuer weniger Probleme mit gewaltbereiten Fans haben als dies bei Vereinen der Fall ist, wo der Fanbetreuer nur ein Türschild auf dem Flur ist. Klar: Auch bei Clubs mit guter Fanbetreuung gibt es Probleme und Ausschreitungen. Die Frage ist aber: sind es schlimmere oder weniger schlimme Situationen?
Für den normalen Fußballfan sollte das Wohl des Vereins ganz oben stehen und so weiß er sich auch dann zu benehmen, wenn ihm klargemacht wird, dass er mit manchen Aktionen dem Verein schadet. Denn eines darf man definitiv nicht tun: alle Fußballfans, besonders die eher extremen, als dumm dahinstellen.
Zusammen mit den Fans
Der Schlüssel hier heißt “Kommunikation” … und natürlich “Geduld”. Was über die Jahre hinweg vernachlässigt wurde, lässt sich nicht von heute auf morgen wieder ins Lot bringen. Doch eines sollte man nicht vergessen: Will man die Probleme der Fanszene in den Griff bekommen muss man mit einer Sache arbeiten: mit der Fanszene! Es ist möglich, dass die Probleme, die uns im Moment scheinbar unlösbar vorkommen, aus den Szenen heraus gelöst werden. Dafür braucht es Geduld, Erfahrung, das Setzen von klaren Zielen aber auch Offenheit und Verständnis … von allen Seiten.
Und vor allem braucht es eine deutliche Definition von Grenzen! Und das Individuum, das diese Grenzen überschreitet, muss auch dafür geradestehen … nicht alle Fußballfans der Republik.
P.S.
Zum erweiterten Thema:
- Unsere Kurve
- B.A.F.F. (Bündnis aktiver Fußballfans): “Neuauflage Tatort Stadion”
- 11. Freunde: “Euch fehlt Selbstkritik” vom 6.11.2009
Kommentare
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Hallo zusammen.
Ich stehe mit anderen Fans meines Alters in der Westkurve. Wir stehen da in einem Block, da gibt es Fahnen,jeder hat seine Schal dabei, da wird geschrien und getobt. Aber da wird nicht gezündelt oder geschlagen. Das geht auch !!!
Ich habe oftmals den Eindruck, spezielle was man so aus den Reihen der unterschiedlichsten Ultras (aller Vereine) zu sehen bekommt, da wird die Fahne und die schwarze Bomberjacke (was die mit dem Verein zu tun hat frag ich mich immer wieder) eingepackt und angezogen und das Hirn zuhause gelassen.
Ich finde es auch witzig, wenn man im Winter mit Schneebällen wirft. Wenn man dann aber 15.000 € Strafe zahlt (besser gesagt der Verein) ist das für einen klammen Verein nicht mehr witzig.
Es stellt sich doch die Frage: wem nützen solche Fans was?, und wem Schaden sie eher.
Ich finde es bedenklich, wenn Leute sich nicht mehr mit ihren Kindern zum Fussballspiel trauen, aus Angst es könnte was passieren.
Ich appelieren an den hoffentlich noch vorhandenen Verstand einiger Ultras:
tobe , zürne, bring Dich ein (Zitat:Konstantin Wecker) aber achte auch auf die Rechte derer die dies vielleicht so wie ihr das gerne möchtet, nicht möchten.
Auf hoffentlich friedliche “Feiertage” auf dem Betze.(und in anderen Stadien)