Auswärtsspiel am Millerntor bei St. Pauli
1. Dezember 2007 | eingestellt von mg
(30. November 2007)
Hamburg, 30. November, Stadion am Millerntor, 18.23 Uhr. Gerade hat F. Trojan zum vermeintlich beruhigenden 2:0 für den FC St. Pauli eingeköpft. Die Fans vom Kiez sind aus dem Häuschen. So einfach hatten sie es sich nicht vorgestellt, den abstiegsbedrohten Traditionsclub aus der Pfalz daheim besiegen zu können. Nun, da es nach knapp 20 Minuten bereits 2:0 stand, durfte man auf Seiten der Hamburger eher vermuten, man würde die Roten Teufel heute demontieren! Die Fans des 1. FCK stehen wie paralysiert in ihrem Block. Stumm, fassungslos, gedemütigt, viele machen ihrem Unmut Luft, schreien ihre Wut in den regnerischen Hamburger Himmel. Einige verlassen bereits die Stätte der drohenden Schmach. Man war sicher, hier wird es heute eine deftige Abfuhr geben und die Packung wollte man sich lieber nicht mehr anschauen.
Dabei hatten die Roten Teufel bis zu dieser 21. Minute gar nicht schlecht gespielt. Im Gegenteil, man hatte das Spiel fast vom Anpfiff weg an sich gerissen und klar dominiert. Der erste Schock kam dann bereits in der 13. Minute, als Schiedsrichter Lupp nach einem Kopfball eines St. Paulianers zur Verwunderung aller im Stadion auf Strafstoß entschied. Axel Bellinghausen soll den Ball mit der Hand gespielt haben. Aber selbst wütende Proteste der Lauterer Spieler sollten an der Situation nichts ändern können, im Gegenteil, Mathieu Beda handelt sich durch den zu übereifrigen Protest auch noch gelb ein! Den Elfer verwandelte Takyi sicher und nüchtern zur Führung der Hamburger.
Die Nerven der FCK-Fangemeinde lagen blank. Nach dem zweiten Hamburger Treffer kam Bewegung in den Gästeblock, entwickelte sich aus einem Handgemenge einiger Unverbesserlicher eine ernsthafte Schlägerei, in deren Folge auch Ordnungskräfte und Polizei sich nicht zurückhalten wollten. So schaukelten sich die Wogen im Block und unmittelbar davor nur unnötig hoch. Unnötig auch deshalb, weil der weitere Spielverlauf nach der 2:0 Führung der Hanseaten weit mehr Aufmerksamkeit verdient hatte, als die Prügellaune einiger Dumpfbacken im Gästefanblock. Bei allem Respekt für unser aller Frust in den letzten Wochen, aber das da - no go, Jungs!
Vom Anstoß weg war zu spüren, dass die Truppe von Kjetil Rekdal sehr motiviert war und engagiert spielte. So dauerte es auch nur Minuten, ehe Josh Simpson, der von Müller hervorragend in Szene gesetzt worden war, mit einem sehenswerten Seitfallzieher den Ball im Tor der Hanseaten versenkte. Ein Keim Hoffnung kam in der Fangemeinde auf, die drüben im Gästeblock immer noch mehr mit sich selbst beschäftigt schienen als mit dem Spiel.
Aber selbst der letzte Zweifler schien in der 30. Minute hellwach, als der unermüdliche Erik Jendrissek nach glänzender Flanke von Aimen Demai zum hochverdienten Ausgleich einköpfte. Nun war die Kulisse wieder da, waren die rund 1.700 mitgereisten Pfälzer lautstark zu hören - der FCK ist wieder da! Dann gar der Kracher! Nach einer weiteren Viertelstunde mit schön anzuschauendem offensivem Fußball, drosch in der 45. Minute Bartosz Broniszewski das Leder unhaltbar für Borger in die Maschen. Dabei hatte der Neuling erst am Morgen erfahren, dass er von Beginn an spielen würde. Einen Zwei-Tore-Rückstand in einer Halbzeit in eine Führung gedreht und das auf des Gegners Platz! Wann hat es das zuletzt gegeben? Auferstanden aus - zumindest psychisch-emotionalen - Ruinen, könnte man behaupten. Der FCK war in der Tat wieder da. Würde der Vorsprung nach dem Pausentee zu halten sein?
Die Hamburger ließen vom Anstoß zu Halbzeit zwei keinen Zweifel daran, dies jedenfalls nicht zulassen zu wollen. Es sollte auch nur drei Minuten dauern, bis durch eine Unachtsamkeit in der Abwehr Tobias Sippel zunächst zu einer Glanzparade genötigt und dann doch durch Meggle bezwungen wurde. Allerdings hätte man hier auch durchaus abpfeifen können. So geht man einen Torwart im Fünf-Meter-Raum nicht an! Das steht zumindest im Regelwerk so drin, meine Herren in Grün! 3:3 - die Hanseaten hatten sich zurück gemeldet.
In der Folge ließen die Offensivbemühungen beider Teams etwas nach. Aber vor allem die Roten Teufel waren hellwach. Die Abwehr um Mathieu Beda lieferte am Freitagabend wieder einen soliden Part. Auch der Aufbau nach vorne wurde immer besser. Die offensiven Leute waren stets gefährlich, viel mehr in Bewegung als sonst und auch das Spiel über die Außenpositionen deutlich besser als noch gegen Mainz. In der 69. Minute dann der erneute Lohn für die unermüdliche Arbeit. Axel Bellinghausen zog aus halblinker Position ab, der völlig überraschte Hamburger Keeper boxte den Ball in die eigenen Maschen. Psychologisch war der 1. FCK bereits jetzt der klare Sieger auf dem Platz! In den verbleibenden 20 Minuten machte St. Pauli noch einmal Druck, markierte auch noch einen Lattentreffer, aber die Abwehr stand. Schade, dass die Konter der Lauterer nicht mehr gefährlicher vors Tor kamen. Ein weiterer Treffer der Roten Teufel hätte der Pfälzer Fangemeinde geholfen die restliche Spieldauer und die 3 Minuten Nachspielzeit mit weit weniger Adrenalinproduktion überstehen zu können.
Dann - aus! Abpfiff - und nun, nur noch Freudentaumel und Party! Der 1. FCK beendet eine fast zehnmonatige schwarze Serie ohne Auswärtssieg! Die Fans lagen sich in den Armen, Mannschaft, Betreuerstab, Trainer, alle standen vor dem Block und vollführten Freudentänze. Seit langem hat man auch bei den Szenen nach dem Spiel wieder dieses alte “Betze-Feeling” gehabt, dass Mannschaft und Fans eine echte Einheit waren.
Apropos feiern - auch St. Paulianer verstehen zu feiern. Ein Journalist lud zwei unserer Queer Devils nach dem Spiel kurzerhand ein. Nein, nicht einfach auf ein Bier. In die VIP Lounge des FC St. Pauli! Ob der verdiente Sieg, die überschäumende Freude der Fans oder eine markante Gesichtsbemalung dabei den Ausschlag gaben, war letztlich egal. Wir durften im Herzen des Kiez Clubs feiern. Mit allem drum und dran - Buffet, Getränke, supernetten, interessanten und supertollen Leuten, mit viel Schulterklopfen und Zuspruch für den Rest der Saison. Vielen Dank an der Stelle noch einmal nach St. Pauli für so viel Gastfreundschaft! Wir hoffen, wir haben nicht zu sehr über die Strenge geschlagen. Denn die zwei letzten, die die VIP Lounge dann kurz nach Mitternacht - sozusagen vor der Besenfront der Reinigungstrupps - verlassen haben, waren die zwei Roten Teufel aus den Reihen der Queer Devils - satt, zufrieden und mit ein klein wenig zu viel Bier hinterm Brett … aber wirklich nur ein klein wenig … *hicks* (mg)
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